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Interview
Interview in der Sueddeutschen Zeitung am 03. Januar 2009
"Ein Konjunkturpaket ohne Steuerentlastung ist nicht vorstellbar"
Der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer über den Kampf gegen die
Rezession, das Wahljahr 2009 und die Abgrenzung von der CDU
Interview: Stefan Braun und Kassian Stroh
In der Debatte über ein neues Konjunkturpaket der
Bundesregierung kämpft CSU-Chef Horst Seehofer hartnäckig für
niedrigere Steuern. Dabei stößt er auf Widerstand der SPD, aber
auch der CDU.
SZ: Herr Ministerpräsident, sind
Wahlverlierer in Bayern immer so aggressiv?
Horst Seehofer: Ich weiß nicht, was Sie
meinen.
SZ: Wir meinen die CSU und ihren Vorsitzenden
Seehofer.
Seehofer: Die CSU streitet seit Mai für eine
Steuer- und Abgabenentlastung der Bürger. Uns geht es nicht um
parteipolitische oder persönliche Profilierung, sondern um die
Durchsetzung einer notwendigen Maßnahme gegen die Rezession.
SZ: Die CSU hat bei der Landtagswahl dramatisch
verloren und bläst derzeit trotzdem mächtig die Backen auf. Rächen
Sie sich bei Ihren Koalitionspartnern im Bund für die Schmach im
Land?
Seehofer: Nein. Wir haben einen klaren Kurs: Die
steuerzahlenden Leistungsträger von der Krankenschwester bis zum
Handwerker müssen entlastet werden. Das ist überfällig und zur
Stärkung der Binnennachfrage geboten. Ich kann der Union nur
empfehlen, sich in diesem Jahr der Entscheidungen mit einem klaren
inhaltlichen Profil zu präsentieren.
SZ: Sie haben nach dem Debakel der CSU Demut
angekündigt, aber laufen wie ein politischer Raufbold durch die
Bundespolitik. Warum diese Schärfe?
Seehofer: Sagen Sie mal einen Satz, der mich als
Raufbold kennzeichnet.
SZ: Sie drohen mit Vetos, sollten Sie sich nicht
durchsetzen.
Seehofer: Die Position der CSU ist, dass wir uns
ein Konjunkturpaket ohne Steuerentlastung nicht vorstellen wollen.
Das darf eine eigenständige Partei doch sagen.
SZ: Bei der CDU sagen manche, Steuerentlastungen
wirken erst sehr spät.
Seehofer: Wir setzen uns mit jedem Gegenargument
auseinander. Objektiv falsch ist, dass eine Senkung der
Einkommensteuer erst in 18 Monaten wirkt. In wenigen Wochen können
die Lohnsteuerprogramme in den Firmen umgestellt werden, eine
Entlastung für die arbeitende Bevölkerung kann sehr zeitnah wirken.
Die letzte Steuerentlastung fand unter Gerhard Schröder
statt.
SZ: Wollen Sie mit ihrer Drohung SPD und CDU
provozieren, allein zu handeln?
Seehofer: Nein, es gibt hier überhaupt keine
versteckten Ziele der CSU. Jeder Fachmann sagt: Die Binnennachfrage
muss gestärkt werden.
SZ: Was machen Sie, wenn CDU und SPD etwas ohne
Sie beschließen sollten?
Seehofer: Ich bin in hohem Maße zuversichtlich,
dass sich CDU und CSU auf eine einheitliche Linie verständigen
können. Dann muss ich mich nicht mit der Hypothese des Gegenteils
beschäftigen.
SZ: Sie wandeln sich vom Retter der Enterbten zum
Retter von Wirtschaftsinteressen. Sind Sie noch authentisch?
Seehofer: Das ist eine typisch klischeehafte und
eindimensionale Betrachtung, dass der Horst Seehofer jetzt
angeblich nur noch Steuersenkungen kennt und sonst nichts. Eine
Steuersenkung für eine Krankenschwester oder einen Polizisten ist
übrigens eine soziale Maßnahme, weil sie zu mehr Netto vom Brutto
führt.
SZ: Von Steuersenkungen profitieren nicht alle,
bei niedrigeren Beiträgen zur Sozialversicherung wäre das anders.
Warum lassen Sie sich bei der sozialen Gerechtigkeit von der SPD
überholen?
Seehofer: Soziale Verantwortung und
wirtschaftliche Kompetenz gehören für mich zusammen. Mit mir kann
man darüber reden, bei der Krankenversicherung mit Steuermitteln
auch Beiträge zu entlasten, vor allem wenn der Beitrag entsprechend
gesenkt werden kann - und zwar sofort. Nur dann bringt es mehr
Kaufkraft. Im Augenblick geht es der SPD aber darum, mit Steuergeld
Beitragserhöhungen zu verhindern.
SZ: Kann man mit der CSU auch darüber reden, den
Sonderbeitrag der Arbeitnehmer von 0,9 Prozent zu streichen?
Seehofer: Auch darüber. Allein diese Einlassung
dürfte Ihnen zeigen, dass es mir nicht um Raufereien geht, sondern
um Wirksames und Vernünftiges für die Konjunktur und die
Menschen.
SZ: Unterstützen Sie die Idee einer Abwrackprämie
für alte Autos?
Seehofer: Bayern ist ein Schlüsselland für die
Automobilindustrie. Natürlich reden wir über jeden Vorschlag
zugunsten der Autoindustrie. Aber wir brauchen ein in sich
geschlossenes Konzept. So offen wie wir sind, erwarten wir auch von
den anderen, dass ernsthaft über Steuerentlastung gesprochen
wird.
SZ: Die Union steht vor einem Superwahljahr, aber
seit Sie an der Spitze der CSU stehen, unternehmen Sie alles, um
die Eigenständigkeit der CSU zu beweisen. Sie provozieren die CDU
sogar öffentlich mit der Idee eigener Wahlprogramme. Warum ist das
nötig?
Seehofer: Als Parteichef werde ich daran gemessen,
dass wir als CSU stark sind. Und eine starke CSU nutzt der Union
bundesweit. Die häufigste SMS, die ich jetzt um Weihnachten und
Neujahr aus der CSU-Spitze bekommen habe, lautet: Die politische
Arbeit macht Spaß. Mancher fügt sogar an: Sie macht wieder Spaß.
Das bekommst du nur, wenn die CSU eine eigene Identität
ausstrahlt.
SZ: Trotzdem: Warum eigene Wahlprogramme, nachdem
man 2002 und 2005 gemeinsame geschrieben hat?
Seehofer: Ich trete hartnäckig und zäh für das
ein, was ich für richtig halte. Daran hat sich nach meiner Wahl zum
Ministerpräsidenten nichts geändert.
SZ: Muss sich die CDU daran erst gewöhnen?
Seehofer: Das mag sein. Ich bin jetzt für meine
Partei in der Hauptverantwortung, deshalb muss ich auch mal eine
eindeutige Ansprache pflegen.
SZ: Hat sich die CSU zu sehr der CDU
angepasst?
Seehofer: Nach allem, was ich aus Analysen zu
unserem Wahlergebnis lese, ist ein Grund die verblassende
bundespolitische Kompetenzzuweisung gewesen. Das müssen wir ändern.
Frau Merkel ist die Vorsitzende der CDU, ich bin Vorsitzender CSU.
Das heißt nicht, getrennte Wege zu gehen, sondern dass wir
möglichst viel von unserer Überzeugung in den gemeinsamen Kurs
einbringen. Wir wollen eine bürgerliche Mehrheit in Deutschland
bekommen, und die wird nur in großer Geschlossenheit erreicht
werden.
SZ: Sie sind also für eine klare Koalitionsaussage
zugunsten der FDP?
Seehofer: Unser Wunschpartner ist die FDP. Die
Leute müssen wissen, was wir wollen. Das heißt nicht, dass wir alle
anderen Koalitionen ausschließen.
SZ: Welche Fehler muss die Union diesmal bei der
Bundestagswahl vermeiden?
Seehofer: Die Fehler aus den Jahren 1998 und 2005.
Wir müssen inhaltlich die ganze Breite einer modernen Volkspartei
abbilden, unsere Wurzeln immer wieder nach außen sichtbar machen,
wirtschaftliche Kompetenz ist in diesem Jahr ganz wichtig. Dazu
kommen soziale Verantwortung, aber auch das Nationalkonservative.
Das alles müssen wir mit authentischen Personen besetzen. Wenn wir
das praktizieren und innerparteilich ertragen, hat die Union nach
wie vor ein Wählerpotential oberhalb von 40 Prozent.
SZ: Bislang will die CDU vor allem mit der
Kanzlerin punkten. Reicht das?
Seehofer: Zunächst bin ich sehr zufrieden, dass
unsere Kanzlerin so gute Zustimmungswerte hat. Das ist ein großes
Pfund für die ganze Union. Aber die Union hat ihre stärksten Zeiten
erlebt, als sie alle Strömungen einer Gesellschaft inhaltlich und
personell repräsentierte, so wie einst von Norbert Blüm bis Lothar
Späth, von Rita Süssmuth bis Fritz Zimmermann oder Franz Josef
Strauß. Diese personelle Breite ist überlebenswichtig für die
Regierungsfähigkeit der Union.
SZ: Und was passiert, wenn die Union Ihre
Ratschläge nicht befolgt?
Seehofer: Dann könnte sehr schnell eine weitere
bürgerliche Kraft neben der Union entstehen. Das sehe ich mit
Sorge, denn wir haben in Bayern gesehen, wie schnell so etwas gehen
kann.
SZ: Braucht die Kanzlerin die CSU als
Korrektiv?
Seehofer: Es hat Deutschland nie geschadet, wenn
man auf die CSU hört. Das ist auch jetzt so.
SZ: Dabei klingen sie inzwischen aber manchmal wie
Guido Westerwelle, ist Ihnen das nicht peinlich?
Seehofer: Gerade mit unserer Wirtschaftskompetenz
als CSU bin ich derzeit sehr zufrieden und sehe keinen Widerspruch
zu meiner bisherigen Politik. Schauen Sie doch mal auf jenen Teil
der Leipziger Beschlüsse der CDU, deretwegen ich 2004
zurückgetreten bin. Von denen ist kein einziger Realität geworden.
2005 habe ich dem Wahlprogramm nicht zugestimmt, weil ich überzeugt
war, dass es sehr schwer werden würde, damit eine breite Mehrheit
zu bekommen. Nun kann man nicht denjenigen strafen, der damals
recht hatte.
SZ: Vor dem Debakel der CSU hatten Sie 52 Prozent
als Maß aller Dinge bezeichnet. Was machen Sie, wenn Sie das bei
den Wahlen nicht erreichen?
Seehofer: Die Lehre aus der Bayernwahl ist auch -
und das ist durchaus selbstkritisch gemeint, dass die Bevölkerung
Monate vor der Wahl alles will, nur keine Prozentdiskussion.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Sueddeutschen
Zeitung