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Interview
Interview mit der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16.08.2009
"Der Zeitgeist hat die Krise erst ermöglicht"
Ministerpräsident Horst Seehofer über Boni für
Bankmanager, Steuerentlastungen und die Familie als
Lebensform
Die Politik ist offenbar sehr mächtig, Herr
Ministerpräsident. So schnell konnte sie mit Steuermilliarden die
Finanzkrise unter Kontrolle bringen, dass sich die Bankmanager
schon wieder Boni genehmigen. Sind Sie zufrieden?
Die Ausschüttung von Boni macht mich gar nicht zufrieden.
Es ist völlig inakzeptabel, dass jetzt manche Bankmanager
weitermachen, als sei nichts gewesen. Bei der Bayerischen
Landesbank gibt es im Übrigen keine Boni. Ich finde, das sollte für
alle Landesbanken gelten, denn sie würden nicht bestehen ohne
staatliche Unterstützung. Früher oder später wird bei Fortsetzung
der Unvernunft der Staat gezwungen sein, auf die Unvernunft im
Finanzsektor mit Gesetzen zu antworten.
Was soll in denen drinstehen?
Keine Bank und kein Unternehmen, die von Steuergeldern
leben oder nur mit Steuergeldern überleben, darf an ihre
Mitarbeiter Boni ausschütten. Zudem dürfen Boni nicht für einen
augenblicklichen, sondern nur für langfristig, also über mehrere
Jahre wirkende Erfolge gezahlt werden. Sonst würde sogar eine
Kürzung von Arbeitsplätzen mit einer kurzfristigen
Bilanzverbesserung zu Bonus-Zahlungen führen. Das ist nicht soziale
Marktwirtschaft.
Wie lange wollen Sie dem Treiben zusehen?
Wir haben jetzt eine Bundestagswahl. Wenn wir das
Vertrauen der Menschen bekommen, dann werden wir eine restriktive
Handhabung von Bonus-Zahlungen zum Gegenstand der
Koalitionsverhandlungen machen.
Ist es nicht zu einfach, nur auf die Manager zu zeigen?
Haben wir nicht alle mitgezockt, weil Traumrenditen aus
Investmentfonds attraktiver schienen als Sparbücher?
Da ist was Wahres dran. Der Zeitgeist hat die Krise
überhaupt erst möglich gemacht. Der Glaube an Liberalisierung und
die Allmacht des Marktes hatte weite Teile der Gesellschaft
erfasst. Die Rendite konnte nicht hoch genug sein, die Raffgier
kannte keine Grenzen. Ich habe schon lange dagegen angekämpft und
musste mir gefallen lassen, als der letzte Blümianer oder als
Herz-Jesu-Sozialist verspottet zu werden. Ich hoffe, dass die
Vergötterung des Spekulationskapitalismus jetzt nicht wiederbelebt
wird. Wir müssen hochwachsam sein vor einem Rückfall und die
Wiederholungsgefahr bannen. Die Prinzipien der Sozialen
Marktwirtschaft müssen wieder mit Leben erfüllt werden.
Was, wenn Sie sich mit Ihren Ankündigungen nach der Wahl
nicht durchsetzen können?
Ich werde kämpfen. Denn das Handeln nach der Wahl muss in
der Substanz übereinstimmen mit dem Reden davor. Das gilt nicht nur
für Finanzmarktgesetze. Wenn ich im Wahlkampf 15 Milliarden Euro
Steuerentlastung verspreche, dann dürfen es danach meinetwegen 15,8
Milliarden werden. Aber nicht die Hälfte des Versprochenen. Sonst
ist das Betrug am Wähler.
Dann können Sie nicht mit der FDP regieren. Die will
Steuerentlastung von 35 Milliarden Euro.
Das ist nicht realistisch. Aber das ist nicht unser
Problem, sondern das der FDP.
Die FDP ist doch als selbsternannte Steuersenkungspartei
der Traumpartner für die CSU. Warum hauen Sie auf den
FDP-Vorsitzenden Westerwelle so ein?
Ich habe auf eine reale Schwachstelle bei der FDP
hingewiesen. Herr Westerwelle wollte sich partout erst eine Woche
vor der Wahl auf eine Koalition festlegen.
Sie haben vor zwei Wochen gesagt, dass Sie ihm nicht
vertrauen.
Guido Westerwelle hat daraufhin zweimal öffentlich
geantwortet, dass er nur mit der Union regieren will. Ich glaube
ihm das. Schön wäre allerdings, wenn er einen entsprechenden
Beschluss seiner Partei herbeiführen würde, dass die FDP in dieser
Frage hinter ihm steht. Das haben wir umgekehrt ja auch getan. Mir
geht es um Klarheit. Die Menschen müssen wissen, ob sie mit einer
FDP-Stimme in Wahrheit eine Ampelkoalition von SPD, Grünen und FDP
wählen.
Wie viele Minister will denn die CSU in einer
schwarz-gelben Bundesregierung stellen?
Ein Postengeschacher vor der Wahl verbietet der Respekt
vor dem Wähler. Aber wir haben genug Personal. Wer will, dass
Karl-Theodor zu Guttenberg Bundeswirtschaftsminister bleibt, der
soll die CSU wählen. Ich nenne auch Ilse Aigner und Peter Ramsauer.
Alle drei sind Flaggschiffe der CSU in Berlin. Alle drei könnten in
vielen Ressorts eingesetzt werden.
Die Politik debattiert über Europa, weil ein
Begleitgesetz für den Lissabon-Vertrag her muss. Mancher in der CDU
verdächtigt die CSU, sie wolle das Rad der europäischen Integration
zurückdrehen.
Völlig zu Unrecht. Die CSU ist eine Partei Europas. Wir
lassen uns von niemandem unser Bekenntnis zur Europäischen Union
absprechen. Wir wollen, dass das Subsidiaritätsprinzip geachtet und
vollzogen wird. Was die Mitgliedstaaten oder Regionen allein und
näher am Menschen regeln können, darum muss sich die EU nicht
kümmern. Eine klare Kompetenzabgrenzung war immer das Markenzeichen
der Europapolitik der Union.
Was heißt das für das Begleitgesetz?
Immer dann, wenn Kompetenzen auf Europa übertragen werden,
müssen Bundestag und Bundesrat beteiligt werden. Und immer dann,
wenn die Bundesregierung an der Rechtsetzung in Europa mitwirkt,
muss der Bundestag genauso selbstverständlich beteiligt werden wie
bei der nationalen Rechtsetzung. Gesetze beschließt doch nicht die
Regierung, sondern das Parlament. Es muss doch zum
Selbstwertverständnis eines Parlamentariers gehören, dass es kein
Gesetz ohne Beteiligung des Parlaments gibt. Damit ist weder die
Handlungsfähigkeit der Bundesregierung noch die Integration Europas
beeinträchtigt.
Führende CDU-Politiker wie der nordrhein-westfälische
Ministerpräsident Rüttgers oder der Parlamentarische
Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Röttgen, haben
heftige Kritik an dem Urteil geübt.
Richterschelte ist genauso verhängnisvoll wie
Wählerschelte. Wenn man dazu steht, dass Konflikte in einem
demokratischen System von unabhängigen Gerichten entschieden
werden, dann hat man deren Urteile zu respektieren, egal, ob sie
einem gefallen oder nicht. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet
sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Menschen. Das zeigt sich
schon durch seine hohe Anerkennung in der Bevölkerung. Ich wünschte
mir, wir Politiker hätten nur annähernd das Ansehen, das die
Richter des Bundesverfassungsgerichts genießen.
In einer anderen Frage wollten Sie die Richter lieber
nicht entscheiden lassen. Die bayerische Landesregierung hat den
Normenkontrollantrag zum Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher
Paare zurückgezogen. Was hat zu dem Meinungsumschwung
geführt?
Dabei geht es um den sehr eng begrenzten Sachverhalt, wenn
in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft einer der Partner ein
leibliches Kind mitbringt und der andere die Möglichkeit haben
soll, unter strengen Voraussetzungen das Kind zu adoptieren. Es
gibt Studien anerkannter Institute, dass in diesem Fall das Kind
keinen Schaden nimmt. Nur darum kann es gehen, um das Wohl des
Kindes. Das ist völlig zu unterscheiden von der sogenannten
Volladoption eines fremden Kindes durch ein homosexuelles Paar, wo
keiner der Partner ein leiblicher Elternteil ist. Gegen Letzteres
wäre ich.
Aber Sie hätten doch die Prüfung abwarten können.
Das Verfahren haben meine Vorgänger eingeleitet. Ich stand
vor der Frage: Wollen wir einen solchen Prozess weiterführen, noch
dazu, wo die Aussichten gering sind?
Sind Debatten über die richtige Familienform noch
zeitgemäß?
Ehe und Familie sind nicht nur grundgesetzlich geschützt,
sondern nach wie vor die beste und die natürlichste Lebensform,
auch für die Kinder. Deshalb muss die Förderung von Ehe und Familie
auch im Mittelpunkt der Politik stehen. Aber andere Formen des
Zusammenlebens gehören eben auch zur Lebenswirklichkeit.
Verantwortliche Politik ist es nicht, die Menschen auszugrenzen.
Das geht unter keinen Umständen.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 16. August 2009,
Autor Eckart Lohse.
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